Halle "Roter Ochse" - sowjetisches Gefängnis und DDR-Strafvollzugsanstalt
Zwischen 1945 und 1950 nutzte die sowjetische Besatzungsmacht die 1842 eröffnete Strafanstalt als Untersuchungs- und Durchgangsgefängnis sowie als Gerichtsort für sowjetische Militärtribunale (SMT). Die Bezeichnung „Roter Ochse“ geht einerseits vermutlich auf das beim Bau verwendete Material zurück: rote, gebrannte Ziegel und Porphyr, ein rötlicher Feldstein. Andererseits wurden für den Transport des Baumaterials, aber auch der Gefangenen, Ochsenfuhrwerke verwendet. Bereits seit der Revolution von 1848/49 wurden hier Menschen aus politischen Gründen verfolgt.
Die Nationalsozialisten nutzten das Gefängnis 1933 im Zuge ihrer Machtübernahme auch für den Vollzug so genannter Schutzhaft, vor allem an Kommunisten und Sozialdemokraten. Mitte der 1930er-Jahre erfolgte der Umbau zu einem Zuchthaus mit einer Kapazität von 790 Haftplätzen. Zu den Insassen zählten neben politischen Gegnern und aus rassischen Gründen Verfolgten nach Beginn des Zweiten Weltkrieges auch ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Nach dem Bau einer Richtstätte im ehemaligen Lazarettgebäude des Zuchthauses wurden dort von Herbst 1942 bis Kriegsende 1945 Todesurteile gegen insgesamt 549 Männer, Frauen und Jugendliche aus 16 Ländern vollstreckt.
Gefängnis der sowjetischen Geheimpolizei und SMT-Gerichtsort
Seit Anfang Juli 1945 nutzte die sowjetische Besatzungsmacht das Gefängnis. Zwischen September 1945 und September 1948 gelangten von hier ca. 4 000 Menschen ohne vorherige Verurteilung in die sowjetischen Speziallager Mühlberg und Torgau. Dabei handelte es sich überwiegend um ehemalige niedere Funktionsträger der nationalsozialistischen Partei sowie um Menschen, die Funktionen im NS-Staatsapparat ausgeübt hatten. Etwa 1 600 Gefangene, die zwischen dem 31. August 1945 und Juli 1952 von verschiedenen SMT im „Roten Ochsen“ verurteilt wurden, darunter vom Militärtribunal der Provinz Sachsen, sind namentlich bekannt. Ca. 40 % waren wegen Spionage bzw. Nicht-Anzeige von Spionage verurteilt worden. Ca. 20 % standen wegen des Vorwurfs von Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht. Die Gerichte hielten ihre Sitzungen im sogenannten Torhaus ab, heute Sitz der Verwaltung der Justizvollzugsanstalt. Das Gefängnis wurde auch zum Vollzug von Strafen genutzt, die SMT an anderen Orten verhängt hatten.
Die im „Roten Ochsen“ zu Freiheitsstrafen Verurteilten wurden nach Abschluss des Verfahrens in die sowjetischen Speziallager Torgau, Bautzen und Sachsenhausen überstellt, andere in „Besserungsarbeitslager“ in der Sowjetunion deportiert. Zwischen Februar 1950 und September 1950 fungierte der „Rote Ochse“ als Durchgangsgefängnis für auch anderswo von SMT Verurteilte vor ihrer Deportation in die Sowjetunion.
Zwischen 1945 und 1947 verhängten SMT im „Roten Ochsen“ mindestens 74 Todesurteile. 39 von ihnen wurden an unbekanntem Ort in Halle vollstreckt. Nach Wiedereinführung der Todesstrafe in der Sowjetunion wurden 44 im „Roten Ochsen“ zum Tode Verurteilte in Moskau erschossen.
Im Sommer 1950 wurde ein Teil des Gefängnisses an die DDR übergeben. Die sowjetische Nutzung endete im Sommer 1952 vollständig. Seit Sommer 1952 erfolgte eine Nutzung durch den DDR-Strafvollzug, u. a. an SMT-Verurteilten und Verurteilten der „Waldheimer Prozesse“. Seit Februar 1954 diente das Gefängnis dem Vollzug der Haftstrafe an weiblichen SMT-Verurteilten. Von 1950 bis 1989 nutzte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR einen Teil der Gebäude als Untersuchungshaftanstalt (UHA). Zwischen 1950 und 1989 durchliefen fast 10 000 Menschen die MfS-UHA.
Erinnerung/Gedenken
Seit 1996 befindet sich in dem Gebäudeteil, der von der NS-Justiz für Hinrichtungen genutzt worden war und später von der DDR-Staatssicherheit für Vernehmungen umgebaut wurde, eine Gedenkstätte. Zwischen 2002 und 2006 erfolgte eine denkmalgerechte Sanierung des Gebäudes sowie die Erarbeitung und Einrichtung einer Dauerausstellung.
Quellen/Literatur
Daniel Bohse, SMT-Forschung und Gedenkstättenarbeit am regionalen Beispiel: Der „Rote Ochse“ Halle (Saale) als NKWD/MGB-Gefängnis und Sitz Sowjetischer Militärtribunale (1945-1952), in: ders./Lutz Miehe (Hrsg.), Sowjetische Militärjustiz in der SBZ/DDR (1945–1955). Tagungsband, Halle/Saale 2007, S. 93–107.
Joachim Scherrieble (Hrsg.), Der ROTE OCHSE Halle (Saale). Politische Justiz 1933–1945 | 1945–1989. Katalog zu den Dauerausstellungen, Berlin 2008.
Links
https://gedenkstaette-halle.sachsen-anhalt.de/

