Unschlag (Suchobeswodnoje)
Unschlag (Unscha-ITL) wurde im Februar 1938 eingerichtet und bestand bis Ende 1960. Die Lagerverwaltung befand sich an der Station Suchobeswodnoje der Gorki-Eisenbahn im Gebiet Gorki (heute Nischni Nowgorod). Die Inhaftierten wurden hauptsächlich zu Arbeiten in der Holzgewinnung, in der Konsumgüterproduktion und im Bau eingesetzt.
Das Lager befand sich im europäischen Teil der ehemaligen UdSSR, hauptsächlich auf dem Gebiet der heutigen russischen Regionen Nischni Nowgorod und Kostroma. Der Name leitet sich vom Fluss Unscha ab, einem Nebenfluss der Wolga, der durch die Region Kostroma fließt. Das Lager erstreckte sich zwischen den Flüssen Unscha und Wetluga in einer abgelegenen und dünn besiedelten Waldgegend. Das Klima ist rau mit kalten Wintern (bis zu -30°C), kurzen Sommern und hoher Luftfeuchtigkeit. Die zahlreichen Sümpfe erschwerten das Leben und die Arbeit der Häftlinge zusätzlich, da es dort viele Mücken und andere Insekten gibt.
Entwicklung des Lagers
Das Unschlag wurde durch den Befehl Nr. 020 des NKWD der UdSSR vom 5. Februar 1938 eingerichtet, gleichzeitig mit fünf weiteren „Besserungsarbeitslagern“ (ITL) für den Holzeinschlag: Kraslag, Wjatlag, Oneglag, Ussollag und Sewurallag.
Die Verwaltung und das Durchgangslager des Unschlag befand sich in der Nähe des Bahnhofs Suchobeswodnoje der Gorkowskaja-Eisenbahn, wo es bereits seit 1933 eine Holzeinschlagstelle gab. Von dort aus führte eine Eisenbahnlinie fast 200 Kilometer Richtung Norden zu den wichtigsten Lagerstätten und Holzfällergebieten. Von ihr gingen zahlreiche Schmalspur-Nebenstrecken zu einzelnen Außenstellen ab. Diese Strecken wurden für den Holztransport, den Transport von Häftlingen und die Versorgung genutzt.
Das Unschlag umfasste etwa 28 (laut einigen Angaben 30) Außenstellen, sogenannte „Lagerpunkte“, die sich unter anderem in der Nähe von Arbeitersiedlungen und bereits bestehenden Ortschaften befanden. Die Einheimischen arbeiteten im Unschlag gleichberechtigt mit den Häftlingen, fällten und verarbeiteten Holz und sammelten Harz, erhielten dafür jedoch einen Lohn.
Am 29. April 1953 wurde das nahegelegene Warnawino-ITL aufgelöst und alle seine Abteilungen in das Unschlag überführt.
Nach der Auflösung des Unschlag im Jahr 1961 wurden an den Standorten der Lagerabteilungen Straf- und Arbeitskolonien eingerichtet, von denen einige bis heute bestehen. In Suchobeswodnoje befindet sich derzeit (2026) eine Strafkolonie mit besonderem Regime für Männer (IK Nr. 1), einschließlich eines Kolonie-Siedlungsabschnitts mit 50 Plätzen. Die Strafkolonie ist die Nachfolgerin des Durchgangslagers Nr. 1 des Unschlag.
Zunächst war das Unschlag der GULag des NKWD der UdSSR unterstellt. In den folgenden Jahren wechselte die administrative Zuständigkeit mehrfach zwischen dem Verwaltungsamt und dem Hauptverwaltungsamt der Lager der Forstwirtschaft (ULLP/GULLP), der GULag des Justizministeriums (MJu), der GULag des Innenministeriums (MWD), dem MWD der RSFSR sowie dem Hauptverwaltungsamt der Besserungsarbeitslager und -kolonien (GUITK) des MWD der UdSSR. Diese häufigen Veränderungen spiegeln die Umstrukturierungen der Lagerverwaltung innerhalb des sowjetischen Straf- und Repressionssystems wider.
Insassen
Die überwiegende Mehrheit der Häftlinge waren Männer. Anfänglich war etwa die Hälfte der Verurteilten wegen „politischer” Verbrechen inhaftiert, doch später, nach Einrichtung des Systems der Sonderlager, in die hauptsächlich die politisch Verfolgten verlegt wurden, ging ihre Zahl zurück. Im Unschlag wurden auch Frauen festgehalten, die wegen „konterrevolutionärer Aktivitäten“, gewöhnlicher Straftaten sowie als Ehefrauen von „Volksfeinden“ verurteilt worden waren.
Die erste dokumentierte Insassenzahl vom 1. April 1938 betrug 15 245 Personen. Am 1. Oktober 1938 waren 15 487 Häftlinge registriert, darunter etwas mehr als die Hälfte als „politische Verbrecher“ eingestufte Personen sowie 3 547 als „sozialgefährliche“ oder „sozialschädliche Elemente“. Die Zahl der Insassen stieg weiter an: Zum 1. Juli 1941 wurden 27 278 Personen gezählt. In den folgenden Jahren änderte sich die Belegung mehrfach. So belief sich die Zahl der Inhaftierten am 1. Januar 1943 auf 23 904, davon ca. ein Fünftel Frauen. 10 681 Insassen galten als „konterrevolutionäre Verbrecher“. Am 1. Januar 1946 waren 17 633 Insassen registriert. Zum 1. Juli 1946 befanden sich darüber hinaus 2 923 Angehörige der deutschen Minderheit aus der Sowjetunion als Zwangsumsiedler im Bereich des Lagers. Sie wurden während des Großen Vaterländischen Krieges zur Zwangsarbeit herangezogen und wurden nicht zur regulären Häftlingszahl gerechnet, hatten aber ähnliche Arbeits- und Lebensbedingungen.
Die höchste bekannte Belegung wurde am 1. Januar 1950 mit 30 210 Häftlingen erreicht. Weitere Angaben nennen zum 1. Mai 1952 eine Gesamtzahl von 28 973 Personen, darunter ca. fünf Prozent Frauen, sowie 8 563 politische Häftlinge. Die letzte bekannte Angabe stammt vom 1. Januar 1960 und weist 12 968 Insassen aus.
1955/56 diente das Lager als Zwischenstation und als eines der Entlassungslager vor der Rückreise inhaftierter deutsche Bürger in die Bundesrepublik bzw. DDR. Nach den Erinnerungen ehemaliger deutscher Häftlinge war ihr Leben im Lager bei Suchobeswodnoje streng der Lagerordnung und ständiger Kontrolle unterworfen. Nachrichten aus der Außenwelt kamen mit Verzögerung an und wurden zensiert. Aber die Insassen hatten Zugang zu Zeitungen und über einen einzigen Lautsprecher auf dem Appellplatz auch zum Radio. Durch Radiosendungen erfuhren sie von den Verhandlungen der UdSSR mit der BRD über eine mögliche Entlassung. Das Leben blieb hart, gleichzeitig entstanden im Lager Formen der erzwungenen Selbstorganisation und kurzfristige „Erleichterungen“, wie Fußballspiele. Auch das Fotografieren war möglich, allerdings nur durch freie sowjetische Arbeiter und das Lagerpersonal, die dann ihre Fotos verkauften. Deutsche Häftlinge erinnerten sich, dass sich ihre Verpflegung und Kleidung vor der Repatriierung verbesserte, um den Anschein einer humanen Behandlung zu erwecken.
Zwangsarbeit
Wie in anderen Straflagern auch, war im Unschlag der umfassende Einsatz von Zwangsarbeit zentrales Merkmal. Die Holzgewinnung wurde in dieser Region bereits vor der Errichtung des Lagers betrieben und bildete die Haupttätigkeit der Häftlinge. Eine der wichtigsten Aufgaben war zudem die Lieferung von Brennholz für Moskau.
Die Häftlinge wurden außerdem in der Landwirtschaft sowie in zahlreichen Produktionsbetrieben eingesetzt. Dazu gehörten unter anderem die Herstellung von Ski, Möbeln, Schuhen, Keramik, Uhrgehäusen und Eisenbahnschwellen. Darüber hinaus waren die Häftlinge am Eisenbahnbau und Straßenbau beteiligt.
Erinnerung und Gedenken
Am 30. August 2009 wurde auf dem Gelände einer ehemaligen Harzfabrik (einer nicht mehr existierenden Arbeitersiedlung), 15 km von der Ortschaft Makarjew in der Region Kostroma entfernt, ein Denkmal für die Opfer der stalinistischen Repressionen eingeweiht. Das Denkmal besteht aus einem acht Meter hohen Kreuz aus Schienen, die von verlassenen Schmalspurbahnen stammen, die die Abteilungen des Unschlag miteinander verbanden. Auf dem Kreuz befindet sich eine geschmiedete Krone, in der Dornen und Stacheldraht miteinander verflochten sind. Auf einem Stein am Fuße des Kreuzes befindet sich eine Gedenktafel mit der Aufschrift „Den Häftlingen des Unschlag – Opfern der stalinistischen Repressionen”. Im Heimatmuseum in Makarjew befindet sich eine Ausstellung, die dem Unschlag gewidmet ist. In derselben Gegend, im Dorf Jurowo, hat der Einheimische Michail Schulegin in seiner eigenen Hütte ein kleines Museum mit Gegenständen, die er im Wald an den Stellen gefunden hat, an denen sich die Lagerabteilungen befanden, eingerichtet. Die Menschen, die sich um diese Initiative zusammengeschlossen haben, versuchen, die Erinnerung an das Unschlag zu bewahren, indem sie Erinnerungen und Fotos sammeln, Gedenkveranstaltungen und Exkursionen zu den ehemaligen Lagerstätten organisieren und kleine Publikationen herausgeben.
Quellen und Links
Kurt Bährens, Deutsche in Straflagern und Gefängnissen der Sowjetunion, Band V/1, München 1965
Michail Smirnow (Hrsg.), Das System der Besserungsarbeitslager in der UdSSR 1923–1960. Handbuch, Moskau 1998. Darin: Unschlag
Wilhelm K.H. Schmidt, Monographie eines Erinnerungsfotos. Der Fußballplatz in Suchobeswodnoje, in: Der Stacheldraht (2018), Nr. 2 und Nr. 3
Denkmäler für Opfer politischer Repressionen auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR: Datenbank des Sacharow-Zentrums Moskau: Gedenkkreuz für die Häftlinge von Unschlag
Unschlag.58: Website des Kleinmuseums in Jurowo (Russisch)
„Reise nach Unschlag“. Video von einer Reise in die ehemaligen Gebiete von Unschlag (Russisch)

