*28.1.1930 (Bad Lausick) | † 23.5.2002
Ehrhardt Becker
Von Bad Lausick nach Taischet
Ehrhardt Becker wuchs als einziges Kind von Erna und Arthur Becker in einer Tischlerfamilie in Bad Lausick auf. Er erlernte das Klavierspielen und war im Tennisclub sowie bei der Freiwilligen Feuerwehr von Bad Lausick aktiv. Außerdem konnte er sehr gut Witze erzählen. Nach Abschluss der Staatlichen Oberschule in Borna absolvierte er eine Lehre als Tischler in der Werkstatt seines Vaters, die er 1948 mit der Gesellenprüfung abschloss.
Ehrhardt Becker geriet durch den Kontakt zu seinem früheren Nachbarn und Schulfreund Siegfried Jenkner in das Blickfeld der DDR-Staatssicherheit. Jenkner studierte an der Universität Leipzig und gehörte einem losen Kreis oppositioneller Studenten um Herbert Belter an. Einzelne Mitglieder des Kreises tauschten antisowjetische Literatur untereinander aus, verteilten antisowjetische Flugblätter oder berichteten an den Westberliner Rundfunksender RIAS über die Stimmung unter den Leipziger Studenten. Nach der Verhaftung von Belter wurden im Weiteren auch die übrigen Mitglieder des Kreises enttarnt. Nachdem bei einer Hausdurchsuchung in der Wohnung von Ehrhardt Becker Flugblätter gefunden worden waren, die er von Siegfried Jenkner erhalten und in Bad Lausick verteilt hatte, wurde er am 6. Oktober 1950 durch drei Männer im elterlichen Wohnhaus festgenommen. Über Polizeigefängnisse in Bad Lausick und Borna sowie das Untersuchungsgefängnis der DDR-Staatssicherheit in Leipzig kam er am 9. Oktober 1950 in die sowjetische Untersuchungshaftanstalt Dresden-Bautzner Straße.
Nach dreieinhalb Monaten Untersuchungshaft verurteilte ihn das Militärtribunal der Gruppe der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland am 20. Januar 1951 in Dresden wegen Mitgliedschaft in einer konterrevolutionären Organisation sowie antisowjetischer Propaganda zu 25 Jahren Haft in einem „Besserungsarbeitslager“. Der Hauptangeklagte Herbert Belter erhielt das Todesurteil und wurde in Moskau erschossen.
Die Haftstrafe verbüßte Ehrhardt Becker im sowjetischen Sonderlager Nr. 7 Oserlag in Taischet sowie im Lager Tapiau. In Taischet lernte er Herbert Asboe kennen, mit dem er lebenslang verbunden blieb. Aufgrund der mangelhaften Ernährung verlor er einige Zähne. Am 27. Dezember 1953 wurde er aus dem Heimkehrerlager Fürstenwalde nach Bad Lausick entlassen. Bei seiner Heimkehr war er völlig abgemagert und wog nur 51 kg.
Zunächst arbeitete er im staatlichen Großhandel als Transportleiter. Im August 1958 heiratete er Rosemarie Kubeil, die im Alter von zehn Jahren als Vertriebene 1945 in Bad Lausick „gestrandet“ war. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor.
Am 1. März 1963 übernahm Ehrhardt Becker die Tischlerwerkstatt seines Vaters und führte sie damit in der dritten Generation fort. Einen Gesellen durfte er jedoch nicht anstellen. Über das Erlebte durfte er nicht sprechen. Alle zwei bis drei Jahre musste er sich bei der DDR-Staatssicherheit in Geithain vorstellen um seine Schweigepflicht zu erneuern. Das MfS versuchte, ihn mit Drohungen und der mutwilligen Zerstörung von Paketen, die er aus Westdeutschland erhielt, einzuschüchtern.
Seit Mitte der 1970er-Jahre besuchte der nach Westdeutschland entlassene Siegfried Jenkner regelmäßig seinen Freund Ehrhardt Becker in der DDR.
Ehrhardt Becker verstarb am 23. Mai 2002 an einer Krebserkrankung. In seinen letzten Lebenstagen sagte er seiner ältesten Tochter: „Mein größter Fehler war nicht, dass ich Flugblätter verteilt habe, sondern, dass ich nach der Gefangenschaft in meine Geburtsstadt zurückgekommen bin.“
Die Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitierte Ehrhardt Becker am 23. Mai 1994 als Opfer politischer Repressionen.
Weitere Dokumente
Hinweis: Für eine weitergehende Nutzung, zum Beispiel für eine Veröffentlichung, bedarf es der Zustimmung der Dokumentationsstelle Dresden. Bitte kontaktieren Sie uns dazu.Quellen
- Generalstaatsanwaltschaft d. Russischen Föderation, K-97073
- RGWA, f. 461, d. 171344
Veröffentlichungen
- Klaus-Rüdiger Mai, Der kurze Sommer der Freiheit. Wie aus der DDR eine Diktatur wurde, Freiburg/Basel/Wien 2023, S. 194