„Im Namen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken …“

Urteile sowjetischer Militärtribunale (SMT) in Dresden

*11.01.1931 (Zwickau-Planitz) | † 18.12.2014 (Heidelberg)

Günter Herrmann

Günter Herrmann vor der Verhaftung, Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjetunion e. V.
Günter Herrmann nach der Entlassung aus der Haft, Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjetunion e. V.

Als Sträfling Nr. 20 M 244 in Workuta


Günter Herrmann wuchs in Zwickau in einem sozialdemokratischen Elternhaus auf. Sein Großvater väterlicherseits war als Sozialdemokrat in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager inhaftiert. Seine Eltern betrieben ein Lebensmittelgeschäft. Zeitweise musste Günter Herrmann die Schule pausieren, um ihm Geschäft mitzuhelfen.

Nach dem Abitur an der Käthe-Kollwitz-Oberschule in Zwickau im Juni 1949 immatrikulierte er sich im Oktober 1949 im Fach Chemie an der Universität Leipzig. Dort spürte er schon bald den massiven Druck von Seiten der SED und der FDJ, sich für den Aufbau des Sozialismus in der DDR zu engagieren. Gemeinsam mit Gleichgesinnten sann er auf Möglichkeiten, sich dem entgegenzustellen. So kam er in Kontakt zu dem Studenten Herbert Belter, der sie mit politischer Literatur sowie mit Flugblättern vom Hochschulfunk des Rundfunksenders RIAS in West-Berlin versorgte. Das Material gab er an Freunde weiter und verteilte es in den Hörsälen.

Am 6. Oktober 1950 wurde Günter Herrmann im Labor in der Leipziger Liebigstraße von Mitarbeitern der DDR-Staatssicherheit verhaftet. Ein Mitstudent hatte ihn dafür unter einem Vorwand aus dem Labor gelockt. Günter Herrmann versuchte sich der Verhaftung zu entziehen, doch dies misslang. Die Staatssicherheit überstellte ihn drei Tage später in die Dresdner Untersuchungshaftanstalt der sowjetischen Geheimpolizei. Mit ihm standen neun weitere junge Leute aus dem Umfeld von Herbert Belter vor Gericht.

Nach mehr als dreimonatiger Untersuchungshaft in Dresden verurteilte ihn das Militärtribunal der Gruppe der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland am 20. Januar 1951 in Dresden wegen antisowjetischer Propaganda und Mitgliedschaft in einer konterrevolutionären Organisation zu 25 Jahren Haft in einem „Besserungsarbeitslager“.

Ihm wurde die Verbreitung von antisowjetischen Flugblättern und Literatur zur Last gelegt. Unter anderem hatte man bei einer Durchsuchung seines Zimmers, in dem er zur Untermiete wohnte, ein Flugblatt mit dem Titel „Herzlich Willkommen, Befreier“ gefunden. Es übte Kritik am Verhalten der Besatzungsmacht gegenüber der Bevölkerung.

Die Haftstrafe verbüßte Günter Herrmann im Lagerkomplex Retschlag in Workuta. Dort leistete er schwerste Zwangsarbeit im Bergbauschacht 9/10: Löcher bohren, Sprengen, Kohle schaufeln, Flöze abstützen usw. Konnte die Norm trotz größter Anstrengungen nicht erfüllt werden, mussten zur Strafe eingeschneite Baumstämme von einem Eisenbahnwaggon entladen werden – eine lebensgefährliche Arbeit. Seine guten Russischkenntnisse halfen ihm beim Überleben, wie auch die Mitgliedschaft in der Lagerfußballmannschaft. Vom Tag seiner Verhaftung bis zur Entlassung erfuhren seine Eltern nichts über seinen Verbleib. Am 28. Dezember 1953 wurde er aus dem Heimkehrerlager Fürstenwalde (Spree) nach Hause entlassen.

Am 9. Januar 1954 flüchtete er nach West-Berlin und immatrikulierte sich dort an der Freien Universität Berlin im Fach Chemie. Später wechselte er an die Technische Universität Berlin, um zusätzlich chemische Verfahrenstechnik zu studieren. Am 30. Juni 1961 promovierte er zum Dr. Ing.

Kurze Zeit später fand er eine Anstellung bei BASF in Ludwigshafen. 1983 erfolgte die Ernennung zum Direktor im Produktionsbereich und zum Vorstandsmitglied einer englischen BASF-Tochter. 1993 wurde Günter Herrmann pensioniert.

Die Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitierte Günter Herrmann am 23. Mai 1994 als Opfer politischer Repressionen. In einem Gutachten heißt es zur Begründung unter anderem, dass sowjetische Gesetze nicht auf ihn und seine Mitstreiter hätten angewendet werden dürfen, da es sich bei ihnen um ausländische Staatsbürger handelte, die ihre Aktivitäten außerhalb der UdSSR entfalteten.

Am 25. April 2007 erhielt Günter Herrmann das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

Weitere Dokumente

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Quellen

  • Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation, K-97073

Veröffentlichungen

  • Günter Herrmann, Erinnerungen, in: Jens Blecher/Gerald Wiemers (Hrsg.), Studentischer Widerstand an den mitteldeutschen Universitäten 1945 bis 1955. Von der Universität in den Gulag. Studentenschicksale in sowjetischen Straflagern 1945 bis 1955, 3. überarb. u. erw. Aufl., Leipzig 2010, S. 248-259