„Im Namen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken …“

Urteile sowjetischer Militärtribunale (SMT) in Dresden

*25.3.1929 (Leipzig) | † 14.10.1960 (Heuchelheim)

Gerhard Weller

Gedenktafel in der Rudolf-Hildebrand-Schule Markkleeberg, Foto: Carsten Müller
Gerhard Weller, Fotografie von der Haftkarteikarte, JVA Bautzen
Gerhard Weller, Haftkarteikarte, Vorderseite, JVA Bautzen
Gerhard Weller, Haftkarteikarte, Rückseite, JVA Bautzen

25 Jahre „Besserungsarbeitslager“ für die Verteilung von Flugblättern


Gerhard Weller wuchs in Leipzig auf und hatte einen Mittelschulabschluss. Er lebte bei seiner Mutter und absolvierte eine Schlosserlehre. 1947 trat er der CDU bei.

Im Herbst 1948 bildete sich um Dieter Kühne eine jugendliche Oppositionsgruppe im Raum Markkleeberg-Leipzig, deren Ziel es war, ihren Unmut über die politischen Entwicklungen in der SBZ zu artikulieren. Daher wollten die Jugendlichen mit Flugblättern anderen Unzufriedenen zeigen, dass sie nicht alleine sind und andere aufrütteln. Sie wollten Zeichen setzen. Einige Mitglieder der „Deutschen Freiheitsbewegung“ genannten Gruppe nahmen sich hierbei ein Beispiel an der antinationalsozialistischen Widerstandsgruppe „Weiße Rose“.

Im Bewusstsein, dass ihr Vorhaben gefährlich war, legten die Gruppenmitglieder von Beginn an Sicherheitsregeln fest. So kannte einzig Kühne alle Mitglieder. Es wurden Tarnnamen genutzt und die jeweiligen Flugblattaktionen wurden über Verbindungsleute organisiert und immer zu zweit durchgeführt. Dass diese Maßnahmen durchaus erfolgreich waren, zeigt die Tätigkeitsdauer von über einem Jahr, obwohl schon nach den ersten Flugblättern die ostdeutschen und sowjetischen Sicherheitsorgane verstärkt ermittelten. Sogar in die Berichterstattung der Regionalpresse hielten ihre Aktivitäten Einzug. Auch Weller konnte für die Gruppe gewonnen werden und beteiligte sich an Flugblattverteilungen.

Doch zunehmend wurden einige Mitglieder übermütig und vernachlässigten die Vorsichtsmaßnahmen. Zudem nahm ein Mitglied Kontakt zu den West-Berliner Zeitungen Telegraf und Tagesspiegel auf, um dort ein Volontariat beginnen zu können. Diese verlangten zunächst dafür die Lieferung von Informationen zu den sowjetischen Besatzungstruppen im Raum Markkleeberg. Die Gefahr des möglichen Spionagevorwurfs vorausahnend, distanzierten sich in der Folge einige Mitglieder von der Gruppe.

Anfang September 1949 verteilte Kühne mit einem weiteren Mitglied Flugblätter. Dies war mit einem sehr großen Risiko verbunden, da aufgrund der zu diesem Zeitpunkt stattfindenden Leipziger Messe und der anstehenden ersten Volkskammerwahlen der in Entstehung befindlichen DDR die Sicherheitsorgane in der Region sehr aktiv waren. Die politische Polizei K5 nahm hierbei Kühne fest und übergab ihn der sowjetischen Geheimpolizei.

In der Folge wurden auch die anderen Gruppenmitglieder durch K5 und Volkspolizei im Auftrag der SMAD verhaftet und der sowjetischen Untersuchungshaftanstalt in der Leipziger Windscheidstraße zugeführt. So auch Weller am 11. September 1949. Während der dortigen Verhöre waren die Jugendlichen zum Teil schweren Misshandlungen ausgesetzt. Nach einigen Tagen wurde Weller in die sowjetische Untersuchungshaftanstalt in der Bautzner Straße in Dresden verlegt und im Dezember 1949 in die Untersuchungshaftanstalt am Münchner Platz.

Dort sprach das SMT der 1. Garde-Panzerarmee (Feldpostnummer 08640) am 16. Februar 1950 gegen Weller und die elf anderen Gruppenmitglieder hohe Haftstrafen aus. Weller selbst erhielt 25 Jahre in einem „Besserungsarbeitslager“. Grundlage für das Urteil waren Artikel 58-10, Abschnitt 2 (Antisowjetische Propaganda) und Artikel 58-11 (Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation). Am 29. März 1950 wurde er in die Strafvollzugsanstalt Bautzen I verlegt, aus welcher er am 17. Januar 1954 zur Entlassung kam.

Weller flüchtete daraufhin in die Bundesrepublik und begann dort ein Studium der Mathematik und Physik in Göttingen. 1960 nahm er sich das Leben.

Am 12. April 1995 rehabilitierte ihn die Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation als Opfer politischer Repressionen.

Weitere Dokumente

Hinweis: Für eine weitergehende Nutzung, zum Beispiel für eine Veröffentlichung, bedarf es der Zustimmung der Dokumentationsstelle Dresden. Bitte kontaktieren Sie uns dazu.

Quellen

  • BArch Berlin, DO1/32.0/39739; DO1/32.0/397
  • Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation, 4u-2519554
  • Justizvollzugsanstalt Bautzen, 5116
  • Zentralarchiv des FSB (ZA FSB), P-1424

Veröffentlichungen

  • Gerald Wiemers, Politisch Verfolgte Schüler in Markkleeberg 1949, Stadt Markkleeberg, o. J.
  • Joachim Falk, Die den Teufel am Schwanz ziehen, Berlin 2005