„Im Namen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken …“

Urteile sowjetischer Militärtribunale (SMT) in Dresden

*14.07.1929 (Oberseifersdorf) | † ??.??.1975

Karl Miertschischk

Karl Miertschischk, Porträtfotografie nach der Entlassung, Privatbesitz
Karl Miertschischk, Porträtfotografie, Privatbesitz

Von der Leipziger Universität ins sowjetische Straflager


Karl Miertschischk wuchs in Oberseifersdorf (Kreis Zittau) als Sohn des Maurers Walter Miertschischk und dessen Ehefrau Elsa (geb. Döring) auf. Sein Vater stand dem Nationalsozialismus aufgrund seiner Zugehörigkeit zur SPD ablehnend gegenüber und wurde von SA-Männern 1933 in Zittau verhaftet und anschließend körperlich misshandelt. Nach Kriegsende wurde er daher offiziell als Opfer des Faschismus anerkannt und war Mitglied in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes.

Im April 1940 trat Karl Miertschischk dem NS-Jungvolk bei, wobei es sich um eine gesetzliche Pflicht handelte. In der Jugendorganisation übernahm er kurzzeitig die Funktion eines Jungenschaftsführers. Im April 1944 wurde er in die Hitlerjugend übernommen, der er bis Mai 1945 angehörte.

Seit 1940 besuchte er die Oberschule für Jungen in Zittau. Da die Schule im Zuge der Wirren am Ende des Zweiten Weltkrieges ausfiel, arbeitete er bis Ende September 1945 in der Landwirtschaft. Im Oktober 1945 nahm er den Schulunterricht an der Oberschule in Zittau wieder auf, wo er im Juli 1948 sein Abitur ablegte. Im November 1948 trat er als Lehramtsbewerber in den Schuldienst ein, nachdem er sich zuvor an der Universität Leipzig um ein Studium der Chemie beworben hatte, jedoch abgelehnt worden war. Nach seiner ersten Lehrtätigkeit in Dittelsdorf (Kreis Zittau) besuchte er von Januar bis April 1949 einen Lehrgang für Lehramtsbewerber an der Heimschule für Lehrerbildung in Lauba (Oberlausitz). Anschließend wurde er an die Schule in Seifhennersdorf (Kreis Zittau) versetzt.

Politisch setzte sich Miertschischk bereits im August 1945 für den Aufbau einer neuen Jugendbewegung ein. Neben seiner Betätigung für den antifaschistischen Jugendausschuss wurde er im April 1946 zum Ortsjugendleiter der FDJ in Oberseifersdorf gewählt. Im Februar 1946 trat er der KPD bei und gehörte somit nach der Zwangsvereinigung mit der SPD der SED an.

Im Juli 1950 bewarb er sich erneut an der Universität Leipzig für ein Chemiestudium und wurde diesmal für das folgende Semester immatrikuliert. In Leipzig teilte sich Karl Miertschischk mit Otto Bachmann, der ebenfalls Chemie studierte, ein Zimmer. Im Frühjahr 1950 kam Miertschischk in Kontakt zu dem Studenten Herbert Belter. Dieser gewann ihn für die Verbreitung von systemkritischen Flugblättern und antikommunistischer Literatur. Belter bezeichnete Miertschischk in seinem späteren Geständnis als seinen Verbindungsmann zu den Studenten der Chemie und der Medizin.

Nachdem Belter im Zuge einer Personenkontrolle am 5. Oktober 1950 verhaftet worden war, fand man bei einer Durchsuchung seiner Wohnung die Wohnanschriften Miertschischks und der übrigen Verbindungsleute. Noch am selben Abend verhaftete die DDR-Staatssicherheit Miertschischk zusammen mit Otto Bachmann. Anschließend wurde er von Leipzig in das sowjetische Untersuchungsgefängnis Dresden-Bautzner Straße überstellt.

Nach dreimonatiger Untersuchungshaft verurteilte ihn dort das Militärtribunal der Gruppe der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland am 20. Januar 1951 in Dresden wegen Spionage, antisowjetischer Propaganda und Zugehörigkeit zu der antikommunistischen Widerstandsgruppe um Herbert Belter zu 25 Jahren Haft in einem „Besserungsarbeitslager“. Gemäß dem Urteil soll er Literatur und Flugblätter mit antisowjetischem Inhalt verteilt haben. Außerdem soll er Belter einen gegen die DDR gerichteten Spionagebericht übergeben haben.

Die Haftstrafe verbüßte Karl Miertschischk in den Straflagerkomplexen Retschlag und Dubrawlag. Am 11. Oktober 1955 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen.

Anschließend flüchtete er in die Bundesrepublik. Er beendete dort sein Studium und trat der „Sozialistischen Jugend Deutschlands - Die Falken“ bei.

Im Jahr 1975 starb Karl Miertschischk. Er war verheiratet und hinterließ einen Sohn.

Weitere Dokumente

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Quellen

  • Generalstaatsanwaltschaft d. Russischen Föderation, K 97073
  • RGWA, f. 461, d. 195736
  • Universitätsarchiv Leipzig (UAL), StuA 063708

Veröffentlichungen

  • Klaus-Rüdiger Mai, Der kurze Sommer der Freiheit. Wie aus der DDR eine Diktatur wurde, Freiburg/Basel/Wien 2023, S. 182-185