„Im Namen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken …“

Urteile sowjetischer Militärtribunale (SMT) in Dresden

*29.9.1930 (Naumburg)

Otto Bachmann

Deckblatt der Gefangenenakte von Otto Bachmann, RGWA, f. 461, d. 171331

Als Leipziger Student im Visier der sowjetischen Geheimpolizei


Otto Johann Karl Friedrich Bachmann wuchs in Bad Kösen gemeinsam mit seinem Bruder Hans als Sohn des selbstständigen Gewerbetreibenden und Winzers Otto Bachmann und dessen Ehefrau Ida auf. An der Naumburger Oberschule für Jungen absolvierte er im Juli 1949 sein Abitur.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs trat Bachmann der FDJ Bad Kösen bei. Auf der Jahreshauptversammlung der Jugendorganisation wurde er 1948/49 zum Leiter für Kultur und Erziehung gewählt.

In den ersten Monaten der Nachkriegszeit nahm Bachmann nach eigenen Angaben in der sowjetischen Besatzungszone zunächst eine Demokratisierung wahr. Mit dem Beginn seines Studiums an der Universität Leipzig im Oktober 1949 wurden seine Hoffnungen auf einen demokratischen Neuanfang jedoch zunehmend enttäuscht. Mit einigen studentischen Freunden übte er Kritik an der fehlenden Rede- und Pressefreiheit sowie an der Umgestaltung von Staat und Gesellschaft in eine kommunistische Diktatur sowjetischen Typs. Neben der Lektüre westlicher Schriften bewahrten Otto Bachmann sowie Herbert Belter, Werner Gumpel, Siegfried Jenkner, Karl Miertschischk, Ehrhardt Becker, Peter Eberle, Rolf Grünberger, Günter Herrmann und Hans-Dieter Scharf seit Juni 1950 antisowjetische Literatur und Flugblätter auf. Gemäß dem späteren Urteil des Militärtribunals soll Bachmann auch an der Verteilung dieser Dokumente unter der Bevölkerung der sowjetischen Besatzungszone sowie unter den Studenten und Professoren der Leipziger Universität beteiligt gewesen sein.

Bachmann geriet durch die Verhaftung von Herbert Belter, der ihn in einer Namenliste führte, in das Blickfeld der sowjetischen Besatzungsmacht. Außerdem waren bei der Verhaftung eines späteren Mitverurteilten Kopien aus der westlichen Zeitschrift Reader’s Digest gefunden worden, auf denen der Name von Otto Bachmann stand. Die Artikel trugen Überschriften wie „Stalin, der größte Massenmörder aller Zeiten“ und „Der Kreml unterdrückt alle in Osteuropa“. Am 5. Oktober 1950 wurde Bachmann in Leipzig durch Angehörige der DDR-Staatssicherheit verhaftet. Für die anschließenden Verhöre kam er in deren Leipziger Untersuchungsgefängnis. Danach wurde er der sowjetischen Geheimpolizei übergeben und in das sowjetische Untersuchungsgefängnis Bautzner Straße nach Dresden überstellt.

Nach drei Monaten Untersuchungshaft verurteilte das Militärtribunal der Gruppe der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland die Gruppe Belter – darunter auch Bachmann und seine Freunde – am 20. Januar 1951 in Dresden wegen antisowjetischer Agitation und Propaganda sowie wegen Zugehörigkeit zu einer konterrevolutionären Organisation zu 25 Jahren Zwangsarbeit in einem „Besserungsarbeitslager“. Herbert Belter erhielt als Einziger das Todesurteil. Nach einer weiteren mehrwöchigen Inhaftierung im Untersuchungsgefängnis in Berlin-Lichtenberg gelangte Bachmann über das Untersuchungs- und Haftgefängnis in Brest schließlich in das Sonderlager RetschLag in Workuta, wo er seine Haftstrafe verbüßte. Dort war er zunächst im Häuserbau eingesetzt und später im Kohlenbergbau. In seiner Freizeit bildete er sich zum Methangaskontrolleur weiter.

Am 28. Dezember 1953 wurde er aus dem Heimkehrerlager Fürstenwalde vorzeitig aus der Haft entlassen. Otto Bachmann flüchtete nach kurzem Aufenthalt im Elternhaus über Ost-Berlin in die Bundesrepublik.

An der Freien Universität West-Berlin entschied er sich zur Fortsetzung seines Chemie-Studiums, wechselte jedoch in die Fachrichtung Betriebswirtschaftslehre. Mithilfe eines Stipendiums emigrierte er in die USA und setzte sein Studium an der Harvard University in Cambridge fort. „Ich war überzeugt davon, dass die Sowjets früher oder später ihr Reich nach Westeuropa ausdehnen würden“, gab Bachmann als Grund für seine Emigration an. Noch in West-Berlin lernte er seine spätere Ehefrau kennen, mit der er drei Kinder hatte.

Weitere Dokumente

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Quellen

  • Generalstaatsanwaltschaft d. Russischen Föderation, K-97073
  • RGWA, f. 461, d. 171331
  • Universitätsarchiv Leipzig (UAL), StuA 064000

Veröffentlichungen

  • Jens Blecher/Gerald Wiemers (Hrsg.), Studentischer Widerstand an den mitteldeutschen Universitäten 1945 bis 1955. Von der Universität in den Gulag. Studentenschicksale in sowjetischen Straflagern 1945 bis 1955, 3. überarb. u. erw. Auflage, Leipzig 2010, S. 97-111
  • Klaus-Rüdiger Mai, Der kurze Sommer der Freiheit. Wie aus der DDR eine Diktatur wurde, Freiburg/Basel/Wien 2023, S. 185 f