*20.11.1929 (Kamenz)
Rolf Grünberger
Wegen der Verteilung von Flugblättern im Gulag
Rolf Grünberger wurde als Sohn des kaufmännischen Angestellten Werner Grünberger und dessen Ehefrau Charlotte (geb. Hartmann) geboren und wuchs in Kamenz auf. Sein Großvater Adolf Grünberger (*1864), ein angesehener Textilkaufmann und Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei, war als Jude in das KZ Theresienstadt verschleppt worden und dort am 31. März 1945 an den unmenschlichen Bedingungen verstorben. Sein Vater Werner überlebte die Zwangsarbeit als sogenannter Halbjude im Lager Osterode (Harz). Nach Kriegsende wirkte er in Kamenz als stellvertretender Bürgermeister, Stadt- und später Kreisrat.
Im Juli 1949 bestand Rolf Grünberger das Abitur an der Lessing-Oberschule in Kamenz. Sein Banknachbar war Peter Eberle, der später mit ihm zusammen verurteilt wurde. Beide engagierten sich seit Herbst 1945 im Schülerrat der Lessing-Oberschule. Im Oktober 1949 begann Rolf Grünberger an der Universität Leipzig ein Studium im Fach Chemie. Einer Partei gehörte er nicht an.
Am 6. Oktober 1950 wurde Rolf Grünberger in Leipzig durch Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit verhaftet und am 9. Oktober 1950 in das sowjetische Untersuchungsgefängnis Dresden-Bautzner Straße überstellt. Nach dreimonatiger Untersuchungshaft verurteilte ihn dort das Militärtribunal der Gruppe der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland am 20. Januar 1951 wegen antisowjetischer Propaganda und Mitgliedschaft in einer konterrevolutionären Organisation zu 25 Jahren Haft in einem „Besserungsarbeitslager“. Ihm wurde die Verteilung antisowjetischer Broschüren und Flugblätter unter den Studenten zur Last gelegt. Er hatte diese aus dem Umfeld des Studenten Herbert Belter erhalten.
Die Haftstrafe verbüßte Rolf Grünberger im Sonderlager Nr. 6 Workuta (Retschlag). Am 28. Dezember 1953 wurde er vorfristig aus dem Heimkehrerlager Fürstenwalde nach Hause entlassen. Später flüchtete er nach West-Berlin und von dort in die Bundesrepublik. Der weitere Lebensweg ist unbekannt.
Die Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitierte Rolf Grünberger am 23. Mai 1994 als Opfer politischer Repressionen. In einem Gutachten heißt es u. a. zur Begründung, die sowjetischen Strafgesetze könnten auf alle verurteilten Mitglieder der Gruppe keine Anwendung finden, da sie ausländische Bürger waren und ihre Handlungen außerhalb des Territoriums der UdSSR begangen haben.
Weitere Dokumente
Hinweis: Für eine weitergehende Nutzung, zum Beispiel für eine Veröffentlichung, bedarf es der Zustimmung der Dokumentationsstelle Dresden. Bitte kontaktieren Sie uns dazu.Quellen
- BArch, MfS, BV Cbs, AIM 196/54
- Generalstaatsanwaltschaft d. Russischen Föderation, K-97073
- RGWA, f. 461 , d. 171555
- Universitätsarchiv Leipzig (UAL), StuA 063630
Veröffentlichungen
- Klaus-Rüdiger Mai, Der kurze Sommer der Freiheit. Wie aus der DDR eine Diktatur wurde, Freiburg/Basel/Wien 2023, S. 188-193