*25.12.1889 (Ludwigsdorf, Kr. Kreuzburg (heute Biadacz (Kluczbork), Polen)) | † 24.03.1952 (Bautzen I)
Wilhelm Jelinek
Als Anarchist unter zwei Diktaturen im Untergrund aktiv
Wilhelm Jelinek entstammte dem Arbeitermilieu, sein Vater war Schmiedemeister. Auch Jelinek selbst arbeitete später als Fabrikschmied. Schon in der Weimarer Republik engagierte er sich im rätekommunistischen beziehungsweise anarchistischen Umfeld und gab in Zwickau seit 1922 die Zeitung „Proletarischer Zeitgeist“ (P.Z.) mit heraus.
Im Nationalsozialismus mit diesen Aktivitäten in den Untergrund gezwungen, engagierte sich Jelinek auch in der Illegalität und hielt ein anarchistisches Netzwerk am Leben. Außer einer kurzzeitigen sogenannten Schutzhaft im Jahr 1937 ist ihm dies auch unbehelligt gelungen.
Jelinek war verheiratet mit Frieda Caroline Meta, geb. Strauß, und hatte eine Tochter. Er arbeitete als Lagerverwalter bei Siemens-Schuckert in Zwickau und war auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs seinen politischen Überzeugungen treu geblieben.
Er kritisierte aufgrund seiner antikommunistischen Haltung und seiner gegnerischen Einstellung zur SPD die von den Kommunisten betriebene Zwangsvereinigung zur SED. Zu einer Zusammenarbeit mit der künftigen DDR-Staatspartei war er zwar nicht bereit, doch kooperierte er im Hinblick auf gemeinsam geteilte Ziele durchaus mit einzelnen SED-Mitgliedern. Er trat dem FDGB bei und wurde in seinem Betrieb mit 95 Prozent der Stimmen zum Betriebsrat gewählt.
Zur gleichen Zeit baute er auf Grundlage der über die NS-Zeit geretteten Abonnentenliste der P.Z. ein zonenübergreifendes Netzwerk auf. Die Zwickauer Anarchisten übten hierbei zentrale Funktionen aus. Jelinek schrieb Artikel für Blätter in den westlichen Besatzungszonen und verbreitete Rundschreiben der Londoner „Gruppe Bakunin“. Außerdem verfassten er und seine Mitstreiter Rundschreiben, in denen Kritik an der Art und Weise des „sozialistischen Aufbaus“ in der SBZ laut wurde. Da ein Vervielfältigungsapparat nicht zur Verfügung stand, wurden alle Rundschreiben mit mehreren Durchschlägen auf der Schreibmaschine getippt.
Die Gründung eines anarchistischen „Spartakus-Bundes“ im Oktober/November 1948 sorgte dafür, dass die sowjetische Geheimpolizei aktiv wurde. Mithilfe eines Verräters, der als Lockvogel fungierte, wurden die meisten Teilnehmer des Netzwerks auf einen Schlag im November 1948 verhaftet.
Jelinek wurde am 10. November 1948 gemeinsam mit seiner Frau in seiner Wohnung von zwei sowjetischen Offizieren und einem Mitarbeiter der Zwickauer Kriminalpolizei festgenommen. Seine Frau kam nach vier Tagen wieder frei, musste jedoch feststellen, dass das gesamte Eigentum in der Wohnung konfisziert worden war. Sie und die gemeinsame Tochter kamen bei Verwandten unter.
Jelinek selbst verlegte man in die Untersuchungshaftanstalt der sowjetischen Geheimpolizei nach Dresden. Am 26. Februar 1949 fand gegen ihn und sechs Mitangeklagte am Münchner Platz in Dresden der Prozess statt. Das Militärtribunal des Landes Sachsen verurteilte alle Angeklagten wegen „antisowjetischer Propaganda“ und Bildung einer Untergrundorganisation zu 25 Jahren Haft in einem „Besserungsarbeitslager“.
Konkret wurden Jelinek Verbindungen zu führenden Anarchisten in den westlichen Besatzungszonen zur Last gelegt. Von dort habe er „antisowjetische und antidemokratische Literatur“ erhalten. Außerdem soll er einen antisowjetischen Rundbrief und Flugblätter verfasst sowie die Zeitung „Anarchist“ herausgegeben und unter der deutschen Bevölkerung verteilt haben.
Jelinek kam in das sowjetische Speziallager Bautzen, das 1950 als Strafvollzugsanstalt Bautzen I Teil des DDR-Strafvollzugs wurde. Dort beteiligte er sich an Protestaktionen, um für bessere Haftbedingungen einzutreten. Zudem gelang es ihm, verschiedentlich Nachrichten (Kassiber) aus dem Gefängnis schmuggeln zu lassen.
Am 24. März 1952 verstarb Jelinek plötzlich in der Haftanstalt, offiziell an einem Herz-Kreislaufversagen infolge einer Grippeerkrankung. Noch vier Tage zuvor hatte ihn seine Tochter bei einem Besuch gesund und ungebrochen vorgefunden.
Weitere Dokumente
- Wilhelm Jelinek, Rehabilitierungsbescheid, Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation, 17. Januar 1997
- Wilhelm Jelinek, Rehabilitierungsbescheid, Übersetzung, Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation, 17. Januar 1997
Quellen
- Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation, 5uk-1735-96
- Justizvollzugsanstalt Bautzen, 2812/50
- Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF), f. 9409, op. 1, d.193
Veröffentlichungen
- Andreas G. Graf/Knut Bergbauer, Wilhelm Jelinek, in: Opposition und Widerstand in der DDR. Politische Lebensbilder, hrsg. von Karl-Wilhelm Fricke, Peter Steinbach und Johannes Tuchel, München 2002, S. 50-55
- Konstantin Behrends, Der Tod Wilhelm Jelineks und die Zerschlagung der anarchistischen Bewegung in der sowjetischen Besatzungszone, in: Bernd Gehrke/Renate Hürtgen/Thomas Klein (Hrsg.), "... Feindlich-negative Elemente ..." Repression gegen Linke und emanzipatorische Bewegungen in der DDR, Berlin 2019, S. 14-19