*26.07.1899 (Görlitz) | † 12.10.1951 (Dubrawlag (Sonderlager Nr. 3, Jawas))
Willy Leisten
Vom angesehenen Kommunalpolitiker zum sowjetischen Häftling
Willy Leisten wuchs in seiner Heimatstadt Görlitz als Sohn des Musikers Richard Leisten auf. 1917 schloss er eine Berufsausbildung als Scheibendreher ab. Im selben Jahr wurde er einberufen und kämpfte ab Januar 1918 beim Infanterie-Regiment 46 an der Westfront. Im September 1918 geriet er in englische Kriegsgefangenschaft und leistete bis Oktober 1919 Wiederaufbauarbeit in Nordfrankreich.
Seine Erfahrungen mit dem durch den Krieg verursachten Elend führten dazu, dass er bereits früh ein ausgeprägtes Interesse für soziale Belange entwickelte. 1920 trat Leisten in die SPD ein und besuchte ab 1925 für vier Semester die staatliche Fachschule für Wirtschaft und Verwaltung in Düsseldorf. Seit 1927 war er Mitarbeiter im Stadtjugendamt Görlitz. 1929 bestand er vor dem staatlichen Prüfungsausschuss in Breslau als Einziger von 30 Kandidaten die Prüfung zum Wohlfahrtspfleger und Jugendfürsorger. Bis 1933 arbeitete Leisten als Fürsorger beim Jugendamt Görlitz.
Obwohl ihm bis dahin eine hervorragende Arbeit attestiert wurde, folgte nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten aufgrund seiner früheren SPD-Mitgliedschaft am 30. Juni 1933 seine Entlassung. Eine anschließende Tätigkeit als Kalk- und Ziegelträger schädigte ihn körperlich so schwer, dass er 1935 erneut arbeitslos wurde. Ein Jahr später fand er – wie auch weitere verfolgte Sozialdemokraten in Görlitz – eine Anstellung beim Bestattungsunternehmen Ullrich. Leisten und seine sozialdemokratischen Kollegen gründeten eine Widerstandsgruppe, die antinazistische Druckerzeugnisse und Nachrichten ausländischer Sender verbreitete. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges blieben ihre Tätigkeiten unentdeckt.
Von 1939 bis 1940 und von 1943 bis 1945 wurde Leisten erneut als Soldat einberufen. 17 Tage vor der deutschen Kapitulation desertierte er und begab sich zu Fuß zurück nach Görlitz. Am 18. Mai 1945 stellte er sich der neu zu organisierenden Verwaltung zur Verfügung. Kurz darauf erfolgte seine Anstellung in der Görlitzer Stadtverwaltung als Leiter des Wohlfahrts- und Jugendamtes.
Im Zuge der Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED im April 1946 wurde der langjährige Sozialdemokrat Mitglied der SED. Im Oktober 1946 erfolgte die Ernennung zum Görlitzer Stadtdirektor. Nach Einschätzung des damaligen Stadtrats für Wohlfahrtswesen und Vorsitzenden des örtlichen Kulturbundes, Eberhard Giese, war Leisten für ihn „ein wahrhaftiger, gütiger Freund und bei weitem der Befähigtste und die stärkste Persönlichkeit im Rat“. Leisten stand zu dieser Zeit auch in Kontakt zu zahlreichen bürgerlichen Demokraten anderer Parteien, beispielweise zur Görlitzer Oppositionsgruppe um die liberaldemokratische Stadträtin Charlotte Heyden. Ihrer Meinung nach war Willy Leisten „als alter SPD-Mann mit ausgeprägtem Verantwortungsbewusstsein ein Gegner der SED“ und „ausgezeichneter Mensch“. Außerdem soll er „mehrere Personen durch Kenntnis der Verhältnisse vor dem Zugriff der Russen geschützt“ haben.
Am 31. Oktober 1947 nahmen deutsche Polizisten und sowjetische Geheimdienstoffiziere Willy Leisten fest und durchsuchten seine Wohnung. Am 22. November 1947 wurde er in das sowjetische Untersuchungsgefängnis in Dresden am Münchner Platz eingeliefert.
Nach knapp zwei Jahren Untersuchungshaft verurteilte ihn die Sonderberatung beim Ministerium für Staatssicherheit der UdSSR (OSO) in Moskau per Fernurteil am 13. August 1949 wegen sogenannter Unterstützung der internationalen Bourgeoisie in konterrevolutionärer Absicht, Spionage und Mitgliedschaft in einer „konterrevolutionären Organisation“ zu 25 Jahren Haft in einem „Besserungsarbeitslager“.
Am 25. November 1949 erfolgte aus dem Speziallager Sachsenhausen seine Verlegung in die Sowjetunion, wo er mehrere Haftstationen durchlief. Zuletzt war er Häftling des Straf- und Arbeitslagers Dubrawlag. Nach Angaben von Zeitzeugen verstarb Willy Leisten dort am 12. Oktober 1951 aufgrund einer Lungenentzündung.
Weitere Dokumente
Hinweis: Für eine weitergehende Nutzung, zum Beispiel für eine Veröffentlichung, bedarf es der Zustimmung der Dokumentationsstelle Dresden. Bitte kontaktieren Sie uns dazu.Quellen
- Archiv der sozialen Demokratie (AdsD), ZWA15527
- Archiv des Liberalismus (AdL), A45-1183, Bl. 40-41; 56
- Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation, 3g-54464-49
- Ratsarchiv Görlitz (RAG), Giese-Chronik
Veröffentlichungen
- Käthe Fraedrich, Im Gulag der Frauen, München 2000, S. 190
- Ronny Kabus, "...weine ich täglich um meinen Vater", In der Gewalt Stalins und der SED, BoD, Norderstedt, 2. Auflage 2016, S. 12, 14, 99, 100 ff, 139, 140, 145, 162, 164