„Im Namen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken …“

Urteile sowjetischer Militärtribunale (SMT) in Dresden

*26.5.1926 (Dresden) | † 17.1.2012 (Dresden)

Siegfried Hentschel

Siegfried Hentschel, 1950, Gedenkstätte Bautzner Straße Dresden

Mit Flugblattraketen der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) gegen das SED-Regime


Der aus einem sozialdemokratischen Elternhaus stammende Siegfried Hentschel erlernte den Beruf eines Elektrikers. Im Oktober 1943 wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Er diente als Funker und war unter anderem in Frankreich eingesetzt. Nach Kriegsende und französischer Kriegsgefangenschaft kehrte er in seine Heimatstadt Dresden zurück. Er fand in den Technischen Werkstätten der Stadt Dresden eine Anstellung als Elektromonteur.

Ende der 1940er-Jahre entschloss er sich, gegen die Durchsetzung der kommunistischen Diktatur in der SBZ/DDR ein Zeichen zu setzen. Zusammen mit Wolfgang Köhler, einem Freund und Kollegen, nahm er Kontakt zur Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) in Westberlin auf. Später malten beide in Dresden vor der Wahl zur DDR-Volkskammer Losungen an Häuserwände, unter anderem „Deutsche, stimmt mit Nein!“. Von weiteren Besuchen bei der KgU brachten sie Flugblätter und eine Druckerwalze zur Flugblattfertigung mit. Die Flugblätter verteilten sie in Straßenbahnen und bei einer Aktion auf dem Postplatz in Dresden als „Raketenpost“ mittels Feuerwerksraketen. Anfang 1951 drängte der KgU-Verbindungsmann mit dem Decknamen „Fred Walter“ Siegfried Hentschel, der inzwischen den Decknamen „Jürgen“ trug, Informationen von militärischer Bedeutung zu sammeln. Dem kam Siegfried Hentschel jedoch nicht nach.

Am 25. Oktober 1951 wurde er dennoch durch die DDR-Staatssicherheit verhaftet und vernommen. Kurze Zeit später übergab ihn die Stasi an den MGB. In dessen Untersuchungshaftanstalt auf der Bautzner Straße wurde er weitere vier Mal verhört. Die Geheimpolizei war ihm auf die Spur gekommen, nachdem sie „Fred Walter“ verhaftet und dieser die Namen seiner Kontakte in der DDR verraten hatte.

Das Militärtribunal der 1. Garde-Mechanisierten Armee (Feldpostnummer 08640) verurteilte ihn gemeinsam mit Wolfgang Köhler am 19. Januar 1952 in der MGB-Untersuchungshaftanstalt auf der Bautzner Straße nach Artikel 58-6, Abschnitt 1 und Artikel 58-10 des StGB der RSFSR zu 25 Jahren Freiheitsentzug in einem „Besserungsarbeitslager“.

Nach der Verurteilung kam Siegfried Hentschel zunächst in die DDR-Strafvollzugsanstalt Bautzen. Von dort wurde er am 10. Juni 1952 über Berlin-Lichtenberg in das sowjetische Strafarbeitslager Workuta deportiert. Während der Zwangsarbeit im 4. Schacht erlitt er am 6. Mai 1954 im Alter von 27 Jahren einen schweren Arbeitsunfall, der ihn zum Invaliden machte. 1955 wurde er nach Inta verlegt und später nach Suchobeswodnoje. Ende 1955 rückte die Entlassung näher. Am 12. Januar 1956 kam Siegfried Hentschel im westdeutschen Heimkehrerlager Friedland an.

Er zog nach Hamburg, gründete eine Familie und engagierte sich im Schumacher-Kreis der SPD. 20 Jahre lang war er Mitglied des Betriebsrates der Firma Reemtsma, davon zehn Jahre als Vorsitzender. Nach der deutschen Wiedervereinigung zog er in seine Heimatstadt Dresden zurück.

Dort engagierte er sich im Trägerverein „Erkenntnis durch Erinnerung e. V.“ der Gedenkstätte Bautzner Straße Dresden und führte Hunderte Besuchergruppen durch das ehemalige Untersuchungsgefängnis. Die Vereinsmitglieder wählten ihn 2010 in Würdigung seiner Verdienste zu ihrem Ehrenvorsitzenden. Die Hauptmilitärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation hatte ihn am 15. Januar 1997 als Opfer politischer Repressionen rehabilitiert.

Siegfried Hentschel verstarb am 17. Januar 2012 in Dresden.

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